Mut zur Lücke

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Steuerberater müssen ihre Mandanten über Rechtsänderungen unterrichten, dürfen sie aber nicht mit ungefilterten Informationen überschütten. Künstliche Intelligenz kann helfen, Relevantes von Unwichtigem zu trennen – und die Kanzleien zu entlasten.

Veröffentlicht im DATEV magazin (01/2026) und im DATEV Blog

Laptop mit KI-Grafik und Glühbirne in Hand

Zwei Stunden verbringen Steuerberater einer Studie zufolge im Schnitt pro Tag damit, den stetigen Strom eingehender Fachinformationen zu bändigen. Sie müssen Gesetzesänderungen studieren und Gerichtsurteile sichten, um ihre Mandanten jederzeit bestmöglich beraten zu können. Schließlich sind sie nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs verpflichtet, ihre Mandanten „ungefragt über alle steuerlichen Einzelheiten und deren Folgen zu unterrichten“.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sie die Infoflut einfach ungefiltert weiterleiten dürfen. Denn die meisten Mandanten wären damit heillos überfordert. Vielmehr schulden Steuerberater ihren Mandanten eine konkrete, auf die jeweiligen Probleme bezogene, individuelle Belehrung. Ein Mehr an Information bedeutet deshalb nicht automatisch eine bessere Beratung. Es kommt darauf an, das Wichtige weiterzugeben.

An dieser Stelle können moderne KI-Systeme ihre Stärken ausspielen. Sie fungieren als intelligente Filter, die aus der täglichen Informationsflut mandantenrelevante Inhalte herausfiltern und in verständlicher Form aufbereiten.

Tools wie der DATEV Einspruchsgenerator zeigen bereits heute, wie künstliche Intelligenz komplexe Rechtsinformationen strukturieren und nutzbar machen kann:

  • Automatische Prüfung der Relevanz neuer Urteile und Gesetzesänderungen
  • Abgleich mit individuellen Mandantenprofilen
  • Markierung wirklich bedeutsamer Inhalte
  • Übersetzung komplexer Fachtexte in verständliche Sprache
  • Priorisierung nach Dringlichkeit und Handlungsbedarf

In der Praxis erhält dann beispielsweise ein GmbH-Mandant nicht das umfangreiche Schreiben des Bundesfinanzministeriums zur neuen E-Rechnungspflicht, sondern eine kurze, auf sein Geschäftsmodell zugeschnittene Zusammenfassung mit konkreten Handlungsempfehlungen.

Doch so effizient KI-Anwendungen auch erscheinen mögen – Kanzleien dürfen sich nicht ungeprüft auf sie verlassen. Die EU-KI-Verordnung, die seit Februar schrittweise in Kraft tritt, schreibt eine „KI-Kompetenz“ für Nutzer von KI-Systemen vor.

Die Rechtsprechung ist eindeutig:

  • Wer KI-Ergebnisse nicht ausreichend prüft, haftet für Fehler
  • Die Verantwortung bleibt beim Menschen
  • Pauschale Haftungsausschlüsse sind praktisch nicht umsetzbar

Mandanten erwarten eine verlässliche Beratung – unabhängig davon, ob sie mit maschineller Unterstützung erstellt wurde.

Grundregeln für den KI-Einsatz

Kanzleien, die bereits erfolgreich mit künstlicher Intelligenz arbeiten, setzen auf definierte Prozesse:

  • Vorbewertung eingehender Informationen durch KI
  • Kategorisierung (z. B. „Soforthandlung erforderlich“, „mandantenrelevant“, „allgemeine Information“)
  • Abgleich mit Mandantenprofilen
  • Fachliche Prüfung vor Versand (Stichproben, Plausibilitätschecks)
  • Kontinuierliche Verbesserung durch Mandantenfeedback

So erhält ein Einzelunternehmer andere Hinweise als eine internationale Holding – passgenau und relevant.

Die praktischen Auswirkungen sind bereits heute messbar. Die Steuerberaterin Stephanie Kröning aus Magdeburg berichtete im Juni 2024 im DATEV magazin, dass KI ihr bis zu 50 Prozent der Verwaltungstätigkeiten abnimmt.

Zu den konkreten Effekten gehören:

  • Automatisierte To-do-Listen mit Fristen und Prioritäten
  • Erkennung bereits beantworteter Fragen
  • Vermeidung doppelter Kommunikation
  • Proaktive Hinweise auf relevante Termine
  • Automatische Erinnerungen

Das führt zu einer spürbaren Entlastung im Kanzleialltag.

Relevanz entscheidet, nicht die Menge

Es wirkt fast schon paradox: Der bewusste Verzicht auf die vollständige Weitergabe von Informationen kann rechtlich sicherer sein, als Mandanten mit einer Flut an Informationen zu überschütten.

Denn wenn wichtige Hinweise in Rundschreiben untergehen, entstehen Haftungsrisiken. Die Rechtsprechung hat das anerkannt: Eine zeitgemäße Beratung bedeutet auch eine angemessene Dosierung von Informationen.

Entscheidend ist nicht die Menge, sondern die Relevanz und Verständlichkeit der Inhalte.

Für eine rechtssichere Nutzung von KI sind in der Praxis insbesondere folgende Punkte entscheidend:

  • Dokumentation aller KI-gestützten Beratungsschritte
  • Transparente Information der Mandanten über den KI-Einsatz
  • Keine Verunsicherung durch unklare Kommunikation
  • Manuelle Zweitprüfung bei kritischen Entscheidungen
  • Kontinuierliche Schulung des Teams

Die EU macht KI-Kompetenz zur Pflicht. Steuerberater müssen bis spätestens 2026 nachweisen, dass sie mit KI-Systemen sachgerecht umgehen können.

Das umfasst:

  • Technisches Verständnis
  • Bewusstsein für Grenzen und Risiken

Gleichzeitig bietet die Regulierung Chancen: Kanzleien, die frühzeitig strukturierte KI-Prozesse einführen, verschaffen sich einen Wettbewerbsvorteil. Sie verbessern nicht nur ihren Service, sondern setzen auch ihre Ressourcen effizienter ein.

Mut zur Lücke bedeutet in diesem Sinne nicht den Verzicht auf Information – sondern die Konzentration auf das Wesentliche.

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